Was aber sehen Sie? Bilder, in denen verschiedenfarbige und verschiedengroße Flecken in sehr unterschiedlicher Anordnung auf weißem Grund auftreten, sich reihen, wimmelnd durcheinanderpurzeln, sich zu formatfüllender Dichte zusammenballen oder sich tänzerisch locker auf dem Bildfeld verteilen. Überschneidungen suggerieren Dreidimensionalität, der Grund wird zur Bühne, die Fläche zum Raum, das Nebeneinander zum Nacheinander, Miteinander, Gegeneinander:
Dem Eindruck lebendiger Bewegung vermag sich wohl keiner beim Betrachten dieser Bilder zu entziehen.
Das breiten Spektrum der teils opak, teils transparent gesetzten Farben – Helga von Jena „setzt“, wie sie es selbst benennt, ihre Farbformen eher, als dass sie sie durch Farbauftrag bilden würde – das Spektrum der Farben entspricht in seiner Breite dem der Formen, jedoch nicht im Sinne einer Festlegung der Beziehung zwischen beiden Gestaltungsfaktoren. Festlegung findet in diesen Bilder generell nicht statt, eine gleichwohl vorhandene Ordnung stellt sich im Schaffensprozess spontan, im gleichsam musikalisch improvisierenden Zusammenspiel von Aktion und Reaktion ein.
Man könnte von einer Polyphonie der Farben und Formen sprechen, von Melodiefolgen und Akkordballungen, von Rhythmen und dynamischen Abstufungen. Die latente Geometrie der einzelnen Elemente aber – Strich, Kreis, Rechteck, Quadrat – wird modifiziert durch den nachvollziehbaren Pinselduktus der manuéllen Aktion, der sich, in der Tradition der informellen Malerei, mitunter der Lesbarkeit von Zeichen und Chiffren nähert.
Bemerkenswert finde ich, dass es Helga von Jena gelingt, seit Jahrzehnten in der beschriebenen Weise zu arbeiten, ohne dass sich ihr Gestaltungsprinzip jemals totgelaufen hätte oder dass es dabei zu Redundanzen und Wiederholungen gekommen wäre. In der Ausstellung sind ältere neben. .. . neueren Arbeiten zu sehen. Die letzteren sich von den früheren durch ihren lichteren, zarteren Charakter und die stärker – ich formuliere es jetzt einmal bewusst paradox – in den Vordergrund tretende Rolle des weißen Hintergrundes.
Prof. H. Gercke, 2018
Kunsthistoriker (früherer Direktor Heidelberg Kunstverein)